DER ZU PERFEKTE BLOG AKA HOCHGLANZMAGAZIN

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Es war 2010, als ich so langsam, aber dennoch regelmäßig, anfing Fashionblogs zu lesen. Damals war ich noch nicht auf Instagram aktiv, sodass ich tatsächlich jeden einzelnen Blogbeitrag, der noch überschaubaren Bloggerzahl, die mich interessierten, las.

Menschen, die aus ihrem Alltag erzählen, die mir ihre Outfits präsentieren und verraten, wo sie sie gekauft und was sie gekostet haben. Themen, die sie bewegen und gern mit Gleichgesinnten teilen wollen. Einfach alltägliche Dinge, die uns alle betreffen. Das war die ursprüngliche Intention eines Blogs, die heute leider an Authenzität verloren hat. Doch dazu später mehr.

Da ich selbst schon immer sehr modeinteressiert war und mich mit den neuesten und kommenden Trends sehr gut auskannte/kenne, beschloss ich, auch einen Fashionblog ins Leben zu rufen. Also habe ich mich bei Blogspot angemeldet und meinen ersten Blog kreiert.

Um diesen mit Content zu füllen, habe ich in meinem kleinen, dunklen Studentenzimmer die Accessoires von links nach rechts geschoben, Bilder bei meinen Eltern im Garten geschossen (auch schon damals von meinem kleinen bzw. jüngeren Bruder) und mit meiner schlechten Handykamera alles fotografiert, was mich irgendwie inspiriert hat. Schnell habe ich gemerkt, dass es kaum möglich ist, interessante Bloginhalte zu schaffen, wenn man niemanden hat, der täglich Outfits mit dir shootet, du keine Zeit hast, stets passende Locations aufzusuchen (denn im Studentenzimmer wirkt das ja alles nicht), dir das professionelle Fotografie-Equipment fehlt und du natürlich nicht das nötige Kleingeld besitzt, um wöchentlich shoppen zu gehen.
Hauptsächlich führten diese Faktoren dazu, den Blog nach knapp zwei Monaten wieder zu löschen. In der Zeit danach wuchs die Bloggerszene extrem stark heran. Ich folgte Fashionistas auf ihrem Weg nach ganz oben in der Modewelt. Chiara Ferragni, Andy Torres und Sincerely Jules waren für mich sozusagen Pioniere der erfolgreichen Fashion-Blogger-Szene, die es geschafft haben. Natürlich kamen immer mehr neue und ebenfalls sehr erfolgreiche Blogger dazu, dessen Stories mittlerweile zu meinem Leben gehören, wie GZSZ damals (naja, und auch heute noch;-)).

Jahr für Jahr machten sich bei mir Zweifel breit und ich ärgerte mich sehr oft, dass ich damals nicht einfach dran geblieben bin. Doch anstatt meinen Blog wieder ins Leben zu rufen und einfach zu machen, sah ich keine Chance mehr, weder inhaltlich noch qualitativ, was Bilder, Aufbau und Features eines Blogs angeht, an all die begehrten Fashionblogger ranzukommen. Diese Zweifel begleiteten mich weitere 2-3 Jahre bis dann doch endlich der Tag gekommen war, an dem ich mir meine Domain sicherte, mich bei WordPress anmeldetet und erneut mit dem Bloggen begann.

Ich sammelte Content, shootete Bilder, schrieb Artikel zu vergangenen Reisen und legte mir eine ordentliche Kamera zu, die, wie sich später rausstellte, nicht das leisten kann, was perfekte Blogger-Bilder ausmachen. Also werde ich demnächst noch in ein weiteres Objektiv investieren müssen, welches einen stolzen Preis hat.

Reizüberflutet von all den wunderschönen Fashionblogs, die ich mir täglich zu Gemüte führe, kamen die Zweifel an der Qualität meines Blogs schnell wieder hoch. Ich habe mir immer gesagt, dass ich definitv einen anderen Blog haben will, als die anderen. Meine Bilder sollten anders aussehen, meine Looks sowieso und die Texte sollten mehr als SEO-optimiert sein. Doch irgendwie ist es gar nicht so leicht, sich von all den schönen Dingen, die ich täglich auf Instagram und den Blogs sehe, freizumachen und nicht die gleiche Richtung einzuschlagen.

Und natürlich gefallen mir die Blogs der anderen ja auch so unwahrscheinlich gut, dass ich meinen Eigenen daran messe und meine eigene Arbeit dabei immer wieder downgrade. Nie bin ich mit den Fotos zufrieden, aber mit Photoshop will ich nicht arbeiten bzw. habe ich auch keine Zeit, mir diese Art der Bildbearbeitung anzueigenen. Außerdem will ich ja, dass meine Fotos authentisch sind und wirklich der Realität entsprechen. Und somit schieße ich mich wieder selbst ins Aus, denn ohne Bildbearbeitung, keine hellen und makellosen Blogfotos.
Auch mein gesamtes Layout entspricht nicht dem eines typischen Blogs. Eigentlich gefällt es mir so auch sehr gut, aber es sieht halt nicht so aus wie bei den anderen, was mich scheinbar wieder nicht so interessant sein lässt. Zumindest denke ich das. Wie es in euren Köpfen aussieht, kann ich nicht beurteilen.

Ich weiß nur, dass die erfolgreichen Blogs nicht mehr das sind, was sie eigentlich mal waren bzw. sein sollten. Bilder, ganz aus dem Leben gegriffen, Outfits, die man täglich auf der Straße tragen kann und Marken, die wir uns alle leisten können, haben auf den perfekten Blogs aka Hochglanzmagazinen nichts mehr zu suchen.

Und genau mit diesen Blogs vergleiche ich mich und meinen Blog. Fragwürdig, ob das so gut ist. Denn auch wenn ich die „berühmten“ Blogger Girls bewundere, ihre Arbeit schätze und mir manchmal wünsche, genau diese Inhalte und Qualitäten sicherzustellen, ist es einfach nicht mein Leben und auch nicht das der Meisten von euch, die sich damit identifizieren können.

Und mal ganz ehrlich, Gucci Loafer, Chanel-Handtaschen, Schmuck von Cartier, das Reisen an die schönsten Orte der Welt (natürlich nur in der Business-Class, denn da lassen sich auch noch hochwertige Fotos schießen) und mehrmalige Restaurantbesuche am Tag, bei denen immer das perfekt drapierte und inszenierte Essen auf dem Tisch steht, spiegeln nicht den Alltag wieder den ich führe und euren sicher auch nicht.

Ich möchte auch nochmal betonen, dass die Blogger, die dieses Leben führen, wirklich hart dafür arbeiten, viele Kooperationen eingehen und ursprünglich auch nur das Mädchen von Nebenan waren. Deshalb gönne ich es ihnen und bewundere ihre Arbeit und das was sie erreichen umso mehr.

Doch ich möchte euch in meine reale, normale, um nicht zu sagen z.T. auch langweilige, Welt mitnehmen. Eine Welt zwischen Zara, Asos, Mango, H&M und Co. und ab und zu ein paar kleinen Wertanlagen (höherpreisige Taschen ;-)). Auf meine Reisen, die in der Holzklasse beginnen und enden, auf meine Restaurantbesuche oder Selbstgekochtes, die nur selten was fürs Auge sind (meistens schon mal abgebissen, da ich ja Hunger habe). Und dieses Leben stelle ich euch gern in Bildern dar, allerdings nicht ausschließlich vor pastellfarbenen Wänden und schönen Häuserfassaden.

Und wo wir gerade bei schönen Bildern sind, möchte ich auch noch einen Schwenk zu Instagram machen. Denn auch dort spiegelt sich der Perfektionismus in Bildern wieder.

Klar, ich liebe einheitliche Feeds. Alles wirkt so harmonisch, hell, einheitlich. Es gibt keine Ecken und Kanten. Diese Instagram-Feeds schaue ich mir persönlich auch am liebsten an und erwische mich häufig dabei, alle „Uneinheitlichen“ eher stiefmütterlich zu betrachten. Doch auch mein Feed ist von Einheitlichkeit weit entfernt. Etwas, was mich täglich nervt und mir dann mal wieder Zweifel kommen, ob ich mit soeiner Ansicht jemals über meine 200 Follower (kein Einziger ist gekauft ;-)) hinauskomme.

Aber ja, mein Feed ist in seiner Optik nicht gleichbleibend, weil ich es auch nicht bin. Ich habe keinen einheitlichen Stil. Mode ist viel zu vielseitig, um sich auf einen  Stil festzulegen. Genauso ist nicht jeder Tag gleich. Ein Tag ist bunt, der andere grau. Genau wie mein Leben, euer Leben, ich und ihr. Warum soll ich mir also ein Foto von meinem ootd aufbewahren, nur weil es farblich gerade nicht in meinen Feed passt? Dann ist es ja gar kein ootd mehr. Macht also keinen Sinn. Und nein, ich kann morgens auch nicht loseiern und mir die schönste Wand Hamburgs suchen, nur damit der Hintergrund in meinem Feed immer gleich ist. So vermischen sich also Bilder aus meinem Alltag. Diese haben auch keinen Filter, der nochmals für eine einheitliche Bildsprache sorgt. Ich arbeite nur mit Helligkeit und Sättigung. Palmen sind grün, das Meer ist blau, Blumen sind bunt und meine Looks meistens auch. Warum also den VSCO-Filter drüberlegen, der die Farben verfälscht. Ist ja dann nicht mehr real.

By the way…mittlerweile sind sogar schon die Instastories perfekt. Und auch da bin ich raus. Ich zeige euch Momentaufnahmen, ohne Bearbeitung, viel Text oder anderen special effects.

Instagram

Lange Rede kurzer Sinn:

Heute ist es extrem schwierig als neuer Blogger durchzustarten und Reichweite zu erlangen. Dafür gibt es einfach zu viele tolle Blogger, die eine Geschichte zu erzählen haben und wirklich tolle Arbeit leisten.
Ich hingegen bin eher der Normalo und möchte euch mit meinem Style inspirieren, bevor er nicht mehr aktuell ist (oder ich zu alt ;-)), daher auch mein Motto: „inspire before expire!“

Natürlich strebe ich auf dem Blog und auf Instagram weiterhin nach Perfektionismus, allerdings nur in dem Rahmen, in dem ich es auch leisten kann und der ist als NICHT-Vollzeit-Blogger sehr begrenzt.
Daher freue ich mich auch immer wieder, wenn ich auf Blogger stoße, die mich auch mit ihrem „Normalo-Leben“ inspirieren können und weit weg von den vermeintlichen Hochglanz-Blogs sind.
Mich interessiert natürlich auch brennend, was ihr von Fashion Bloggern erwartet. Schreibt mir gern eure Meinung und was ihr euch von mir auf meinem Blog wünscht.

In diesem Sinne verabschiede ich mich in meinen dreiwöchigen Urlaub. Gern schicke ich euch Fotos aus der Economy-Class und meinem leckeren (das Auge isst mit) Essen aus silber Assietten. Das ist doch genau das, was ihr sehen wollt oder?! 😉

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2 Comments

  1. Oh du sprichst mir aus der Seele, obwohl ich mich selber immer wieder dabei erwische eine gewisse Perfektion einzubringen. Am Ende ist es aber doch ein kuddel Muddel und behält so immerhin die Lauri-Sympathi die es meiner Meinung nach am Ende auch braucht um sich selber treu zu bleiben. 🙂

  2. Das ist ein wahnsinnig toller Text! Ich muss sagen ich bin ein Blogger mit sehr kleinem Radius und eigentlich mache ich das zum Spaß und möchte eine „message“ verbreiten, trotzdem schiele ich oft etwas neidisch auf die anderen Accounts und frage mich wieso es bei mir nicht so professionell aussieht.

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